„Diese Loveparade ist sicher die aufwendigste Produktion“


Interview von Annika Fischer

Die Party geht weiter. Am Wochenende kommen die Techno-Fans…

Kersten Sattler: Techno ist doch nur ein Teilbereich der elektronischen Musik. Wie jede Musikströmung hat auch diese sich längst wieder aufgeteilt in neue Spielarten: Trance zum Beispiel, was Paul van Dyk macht oder ATB, Minimal, Electro, um nur einige zu nennen, und alle haben Einfluss auf die ganze Popkultur. Dieses Wort vom „Techno-Spektakel“ ist bullshit, das stimmt für die Loveparade eigentlich schon seit zehn Jahren nicht mehr. Wir versuchen, die großen Stilrichtungen der elektronischen Musik alle abzudecken.

Diesmal, nach Berlin, Essen, Dortmund, in Duisburg. Was ist anders?

kersten-sattlerSattler: Wir müssen jedes Mal einen anderen Ort erobern. Berlin wäre eine leichte Produktion; die Goldelse hat sich schließlich nicht verändert. In Essen waren wir mitten in der Stadt, es war also Loveparade urban. In Dortmund haben wir erstmals eine Autobahn gesperrt. Und in Duisburg haben wir diesen alten Güterbahnhof, der nutzbar gemacht wurde.

Passt zur Kulturhauptstadt.

Sattler: Wir leben das Motto der Kulturhauptstadt: Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel. Da wird dieser alte, lange stillgelegte Bahnhof, wo vor kurzem noch Urwald war und darunter ein Haufen verbogener Gleise, zu einem fast perfekten Eventgelände, das ist Industriekultur! Deshalb heißt unser Thema auch „The Art of Love”.

„Fast perfekt“? Erstmals rollt die Parade auf einem umzäunten abgeschlossenen Gelände.

Sattler: Das begrenzt wird von der Autobahn auf der einen und der Bahn auf der anderen Seite. In der Tat, von den Sicherheitsauflagen her ist diese sicher die aufwändigste Produktion. Wir haben Zugänge gebaut, Fluchtwege, wir hatten keinen Strom und kein Wasser. Weil aber das ganze Gelände eingeebnet werden musste, konnten wir die Leitungen unterirdisch legen. Über Kabelkanäle kann also keiner stolpern.

Es besteht die Sorge, der Platz könnte für die erwartete Million nicht reichen.

Sattler: Die Loveparade ist eine dynamische Veranstaltung, kein Konzert, wo 150.000 Leute vor der Bühne stehen und -bleiben. Das Publikum an sich ist dynamisch, da ist ein ständiger Durchlauf, nur die Hardcore-Fans bleiben zehn Stunden. Es kommen Leute, die wollen nur mal gucken, und andere, die wollen nur abends dabei sein. Sie sind nicht alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort.

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, das zeigt auch die Erfahrung von Essen und Dortmund. Wir gehen davon aus, dass sich das Publikum im Laufe des Tages einmal komplett austauscht.

Aber die Floats mussten Sie reduzieren. Von 40 auf 15.

aufbauarbeitenSattler: Das tut schon ein bisschen weh. Andererseits haben wir so noch größeren Wert auf die Qualität der Konzepte legen können. Line-up, Licht, Club, Thema, Dekoration, das sind alles teuer produzierte Floats, und wir haben sie nicht allein ausgewählt, sondern uns fachliche Beratung geholt.

Grollen Sie Ihrer Heimatstadt Bochum noch wegen der Absage vom Vorjahr?

Sattler: Mit denen hab’ ich noch eine Rechnung offen (lacht). Aber ich blicke auf die Region: Wir feiern hier gerade Großevents von Weltrang im Wochenrhythmus, mit einem Millionenpublikum. Das ist Metropole!

Und morgen feiert die Metropole ihre Subkultur?

Sattler: Subkultur ist auch Kultur. Und jede Hochkultur ist von Subkultur beeinflusst. Ich halte das für eine dumme Diskussion, kein anderes Land macht solche Unterscheidungen. Musikkultur, Jugendkultur, Popkultur, wir sind alles.