Die ewigen Leiden eines Pendlers

Manuela Buchholz fährt seit 15 Jahren täglich den Ruhrschnellweg.

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Es ist ein trüber Nachmittag; trostlos-grau liegt eine Wolkendecke auf dem Ruhrgebiet, lässt mal mehr und mal weniger Regenschauer durch. “Ein super Wetter haben Sie sich da ausgesucht”, sagt Manuela Buchholz, als sie die Beifahrertür ihres schwarzen Mercedes aufstößt und mich einladend hineinwinkt. Da regnet es gerade in Strömen. Super Wetter? Aber sicher doch – zumindest für das, was wir vorhaben: Wir wollen im Stau stehen.

Im Stau stehen – das tut Manuela Buchholz seit 15 Jahren nahezu täglich. Manchmal morgens, meistens aber nachmittags. Nach ihrer Arbeit als Personalvermittlerin für eine Bank in Düsseldorf führt ihr Heimweg sie mit dem Zug bis nach Duisburg, von dort aus geht es in Richtung Moers – als Pendlerin über die A40.

Vom ewigen Leiden eines Pendlers

Schon auf dem Weg in Richtung Anschlussstelle Duisburg-Häfen stehen wir im Feierabendverkehr. “Man kann schon am Duisburger Hauptbahnhof erkennen, dass man besser einen anderen Weg als über die A40 nehmen sollte”, sagt Manuela Buchholz. Normalerweise macht sie das dann auch – fährt stattdessen durch Duisburger Stadtgebiet oder in Ausnahmefällen auch über die A42 – “doch das ist natürlich langsamer”. Aber heute gilt: Der Weg ist das Ziel. Und das Ziel ist die A40.

Zwischen Stocken und Stehen bleibt Zeit zu erzählen: Von den ewigen Leiden eines ewigen Pendlers. Wie viel Zeit Buchholz im Stau schon verloren gegangen ist, die gebürtige Duisburgerin hat aufgehört, das messen zu wollen. Erzählt stattdessen lieber Anekdoten von ihren zwar kurzen, nicht aber immer kurzweiligen Autobahnfahrten: “Letztens beispielsweise, da stand ein Wagen vor mir der hatte einen Aufkleber auf seiner Heckscheibe. Das A40-Logo war darauf zu sehen, darunter stand ‘Dauerparker’”. Dem Ruhri sein Humor halt.

„Wat schön – ein Stau“

Wir erreichen die Auffahrt Duisburg-Häfen. Das Ziel – die A40 – ist nah: Ich kann sie sehen, die leuchtend-blauen Autobahnschilder mit den weiß-reflektierenden Schriftzügen. Ich kann sie riechen, all die Abgas-Karren auf einem Haufen. Zumindest ginge das – wenn ich das Autofenster herunterließe. Aber: regnet ja, also lassen wir das. “Hach, wat schön – ein Stau”, denke ich. Das habe ich vorher noch nie gedacht.

“Da muss schon am Kreuz Duisburg etwas los gewesen sein”, sagt Manuela Buchholz. Säße ich heute nicht neben ihr, dann wüsste sie wahrscheinlich, was dort los ist – denn: “Ich fahre normalerweise nicht los, ohne mich vorher über die Verkehrssituation zu informieren. Einfach losfahren, das geht eigentlich nicht, das ist unvernünftig”, erzählt Buchholz. Kurz auf dem Smartphone die aktuelle Verkehrslage checken gehört ebenso zu ihrem Arbeitsalltag wie das Ausfindigmachen künftiger Mitarbeiter.

Niemals steht man so ganz

Nachmittags-Normalzustand auf dem Ruhrschnellweg: Voll. Immerhin rollen wir – auffe A40 stehse halt nie so ganz. Buchholz fädelt ihren Wagen zwischen zwei Lkw ein. Im Jahr 2013 fuhren auf diesem Streckenabschnitt etwa 12 000 Lkw täglich, mit allen Pkw ist es nahezu das Zehnfache. “Es wäre eine Riesen-Erleichterung, wenn die Lkw hier nicht mehr lang führen”, sagt Buchholz.

Von Duisburg-Häfen bis Moers-Zentrum sind es 9,2 Kilometer. Könnten wir wie erlaubt mit Tempo 100 fahren, bräuchten wir etwa 6 Minuten. Wir brauchen 20 Minuten. Und: Wir liegen damit gut in der Zeit. Buchholz sagt, zu Hoch-Zeiten hätte sie auch schon über eine Stunde für dieselbe Strecke gebraucht. Immerhin geht es über einen besonders neuralgischen A40-Abschnitt: Die Rheinbrücke Neuenkamp. Seit Ewigkeiten ist die eine Dauerbaustelle: Schon zweimal, 1996 bis 1998 und 2010 bis 2013, wurde die Fahrbahnplatte wegen Rissen saniert. Seit drei Jahren gibt es außerdem immer wieder Schäden in den Querträgern, die regelmäßig geschweißt werden müssen. Immer wieder durften Lkw erst gar nicht über die Brücke fahren.

Hindernis Rheinbrücke passiert

Wir fahren mittlerweile im vierten Gang. Schon vor der Rheinbrücke verengt sich die Fahrbahn – aus dreispurig wird zweispurig. Natürlich trägt das nicht zu einer verbesserten Verkehrslage bei. Immerhin: Der Regen wird weniger, bald fahren wir wenigstens 60 Kilometer – da lohnt sich bald das Schalten in den fünften Gang.

Und dann, der Himmel hellt auf: Hindernis Rheinbrücke passiert! Es wird wieder dreispurig. Die Brummis bleiben rechts, die Pkw beschleunigen und überholen. Zum ersten Mal heute fahren wir ganze 100 Stundenkilometer. Keine Zeit mehr, einen Blick in die Zeitung zu werfen. Das macht Buchholz sonst gerne, wenn sie im Stau steht. Diese Gelassenheit mit der sie von ihren Stauerfahrungen erzählt: War die immer schon da? “Natürlich nicht”, sagt Buchholz. “Jahrelanges Training.” Sie lächelt milde. “Ich versuche, das nicht mehr so an mich rankommen zu lassen. Aber natürlich fluche ich auch mal ganz fürchterlich. Eigentlich fahre ich auch viel offensiver, wenn ich alleine im Auto sitze.” Dazu jedoch gibt ihr die Autobahn, “die man ja schon fast nicht mehr so nennen kann” heute keinen Grund mehr. Ohne weitere Verzögerungen legen wir die letzten Kilometer zurück. Da hört sogar der Regen auf. Und die staugeplagte Pendlerin wird versöhnlich: “Man braucht die A40 als Revier-Autobahn.” Ohne geht halt auch nicht.