Leben am Lärmlimit

Wieso eine Familie ohne Lärmschutzwand direkt an der A40 wohnt.

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Stellen wir uns vor, das hier wäre ein Stummfilm: Links ein Garten, der abgetrennt ist durch einen Kreuzzaun, rechts ein Garten, abgetrennt durch einen grünen Stabmattenzaun. Dazwischen: ein Blumenparadies auf etwa 100 Quadratmetern. Hier ein Strauch-Lavendel, dort ein paar weiße Prachtkerzen, eine letzte blühende Ballonblume. Daneben: ein Rhododendron und ein Stachelbeerstrauch, ein noch ganz junger Feigenbaum. Aus einem kleinem Beet blitzt die letzte Gurke des Jahres hervor, Zucchini hingegen gibt es noch mehrere und auf der kleinen Terrasse am höheren Teil des Gartens warten Unmengen an Tomaten darauf, doch noch rot zu werden.

Aber das hier ist kein Stummfilm. Also: Ton an.

Es rauscht laut, ununterbrochen.

Wieso es rauscht? Das zeigt ein Blick über den Abgrund, der sich zur Vorderseite des Gartens auftut. Lediglich ein metallenes Geländer, dahinter geht es 4,50 Meter bergab. Der Blick landet auf Asphalt und Betonwüste, darauf fahren Autos und Brummis – direkt unterhalb des Gartens von Familie Stermann. Die wohnt seit 1978 direkt an der Autobahn 40 – nicht weit von der Ausfahrt Mülheim-Styrum.

Was die Familie und ihre direkten Nachbarn von anderen A40-Anwohnern unterscheidet: Sie haben keine Lärmschutzwand. “Man hätte uns ein Gefängnis hier vorgebaut, 3,50 Meter hoch”, begründet Willi Stermann (78) das. Damals, 1980 etwa, hätten sie auch in Mülheim-Styrum eine Debatte um den Lärmschutz geführt. Doch die Gemeinschaft an der Verbindungsstraße entschied sich schlussendlich dagegen: Noch mehr Beton und noch weniger Garten, nein danke!

Damals, da war die A40 noch ebenerdig und einspurig

1956 als sie die Reihenhäuschen hier bauten, da hieß die A40 auf dem Streckenabschnitt noch B60, “und war ebenerdig und einspurig”, sagt Renate Stermann (70). Natürlich gab es da weniger Verkehr, also war es weniger laut. Heute sind die Straßen-Bewohner täglich einem Lärm-Pegel von rund 75 Dezibel ausgesetzt. Laut Umweltministerium liegt der Schallpegel ganz im Norden Mülheims somit am oberen Ende des Belästigungsbereichs; es ist immer etwas lauter, als wenn der Nachbar seinen Rasen mähte. Zum Vergleich ein bisschen Alltagslärm: Ein Kühlschrank schafft rund 40 Dezibel, das leise Radio in der Küche 50 Dezibel.

„Boah ne, da würd’ ich niiie hinziehen.”

„Wir haben jetzt unverbaubaren Blick – da kann man uns nichts mehr vorsetzen”, sagt Willi Stermann und lacht verschmitzt. Der ehemalige Bauleiter bei der Stadt Mülheim ist damals  mit seiner Frau und den gemeinsamen vier Söhnen hier eingezogen – “da mussten wir nehmen, was bezahlbar war”. Und auch wenn andere sagen “Boah ne, da würd’ ich niiie hinziehen” – Familie Stermann fühlt sich wohl auf ihren 130 Quadratmetern nebst Garten. “Reicht doch”, sagt Renate Stermann und Willi nickt. Sie stehen nebeneinander im hellen Wohnzimmer. Sind die Fenster verschlossen, hört man den Autobahnlärm gar nicht.

Den Autobahndreck hingegen sieht man schon: “Die Fensterbänke können Sie besser zweimal täglich putzen als einmal”, sagt Renate Stermann.

Momentan haben Sternmanns Familienbesuch: Enkelin Larissa ist für eine Woche bei “Omma” und “Oppa” eingezogen, in das Zimmer unterm Dach. Trotz Schalldämmung und zweifach verglasten Fenstern im ganzen Haus – “da möchte ich nicht immer wohnen.” Denn: Morgens ab vier startet der Verkehr im Revier. “Aber so schlimm isset gar nicht”, fügt die 19-Jährige schnell hinzu – genau wie die Großeltern ist auch sie ein Mülheimer Urgestein. “Die peinliche Stille gibt’s hier auch – selten zwar, aber das liegt dann nicht an der Autobahn, sondern vielmehr an der Familie.” Lachen.

Das Ruhrgebiet ohne A40? Unvorstellbar!

Was wäre denn das Ruhrgebiet ohne A40? Leerer, leiser, entschleunigter? “Unvorstellbar”, sagen beide. “Aber so ein Still-Leben wie damals, das sollten sie mal öfters machen. Dann wär Ruhe.”

Zum Abschied sagt Willi plötzlich: “Ich hoffe, dass ich es im Altenheim besser hab. Da isset wenigstens ruhig.” “Du kommst nicht ins Altenheim”, erwidert Renate. Der Ruhri, frei Schnauze.