Der Job fürs Leben

Norbert Südbröker räumt die A40 auf. Seit 41 Jahren.

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Ein kurzer Blick nach links, ein weiterer in den Rückspiegel. „Ich muss nur eine Lücke finden“, sagt Norbert Südbröker und öffnet die Fahrertür einen Spalt breit. Der Lärm des Verkehrs dringt ins Auto. Dann hüpft er aus der Fahrerkabine und steht mitten auf der A40.

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An ihm vorbei brettert ein Lkw, dessen Fahrer verdutzt auf den grauhaarigen Mann im neonfarbenen Arbeitsanzug herabschaut. Südbröker huscht vorne um seinen Transporter herum und rennt quer über die Ausfahrt, zum Standstreifen. Und da ist es, was er gesucht hat: eine Reitgerte.

Ausgestattet mit ledernen Arbeitshandschuhen hebt er das Fundstück von der Straße. Nach einem gekonnten Schulterblick geht’s im Trab zurück zum Wagen. Das Sicherheitsnetz auf der Ladefläche zieht Südbröker ein Stück beiseite, um die Peitsche zu der Sammlung der anderen Kuriositäten zu werfen.

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Ein Handfeger, drei Radkappen, ein Ziegelstein und ein Scheinwerfer gehören zur heutigen Ausbeute. „Vieles fällt schnell mal vom Lkw, wenn die Ladung nicht richtig gesichert ist“, erklärt der Ordnungshüter.

Zurück im Transporter geht es weiter, mit 20 Stundenkilometern über den Standstreifen. Südbröker ist Straßenwärter. Seit 41 Jahren. Und mit Herzblut dabei.

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„Es wird nie langweilig“, betont er. Das kann man wohl sagen. Der nächste Fund ist ein toter Fuchs. Kadaver müssen die Straßenwärter ins Tierheim bringen. „Da werden sie entsorgt. Wir haben ihnen auch schon lebendige Tiere überreicht.“

Ein geeigneter Ort für Diebesgut

Stühle, Kühlschränke und Waschmaschinen können die Mitarbeiter direkt in der „Schrottbox“ auf dem Gelände der Autobahn- und Straßenmeisterei Dortmund vernichten. Da ist auch schon ein Safe gelandet. „Der war leider leer,“ sagt Südbröker. „Portemonnaies ohne Bargeld, aber mit Papieren, finden wir auch ständig.“ Die A40 scheint ein geeigneter Ort für Unbrauchbares und Diebesgut. Kleinere Müllobjekte, wie Zigarettenschachteln oder Tüten sammeln die Straßenwärter nicht auf, das erledigt eine andere Firma. Heute beschränkt sich der Fundus auch auf wertlose Objekte. „Oder hat jemand ein Pferd zu Hause?“, sagt er mit Blick auf die Gerte und lacht.

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Jeden zweiten Tag kontrollieren zwei Straßenwärter der Autobahn- und Straßenmeisterei Dortmund die A40 von Dortmund bis Essen-Kray. Für den anderen Streckenabschnitt ist die Autobahnmeisterei Duisburg zuständig. Aber auch für die A45, die A448, Bundesstraßen und Landstraßen sind die Dortmunder verantwortlich.

Der letzte übernommene Lehrling ist 42

„Auf den Bundes- und Landstraßen reagieren wir meist nur auf Beschwerden von Anwohnern, wir würden es sonst nicht schaffen“, räumt Südbröker ein. Und das hat auch einen Grund: Zu Hochzeiten bestand das Team aus 90 Mitarbeitern. Übrig geblieben sind davon 18. „Strukturoptimierung nennt man das doch heute“, spottet der gebürtige Dortmunder. Der letzte übernommene Lehrling ist heute 42.

Südbröker selbst ist gelernter Friseur. Die Straßenmeisterei brauchte damals Unterstützung, und daraus wurde ein Job fürs Leben. Heutzutage wäre es nicht mehr so einfach, in den Beruf zu rutschen. Die fertigen Azubis würden zur Stadt wechseln. Immerhin mit sehr guten Qualifikationen, wie Südbröker findet. „Sie machen den Führerschein Klasse 2, einen Kettensägelehrgang, sie können mauern, pflastern. Es ist ein abwechslungsreicher Beruf, aber auch ein gefährlicher.“ Recht hat er.

Vor einigen Jahren kam ein auf dem Dach schlitternder Opel vor seinen Füßen auf der A40 zum Stehen. „Ich wusste überhaupt nicht wohin, das Auto rutschte von einer Spur auf die andere.“ Später stellte sich heraus, dass der Fahrer einen Herzinfarkt erlitten hatte.

„Gesprungen ist glaub‘ ich jeder von uns schon mal“, sagt der 59-Jährige nachdenklich. „Ein Kollege von mir ist mit 27 Jahren bei einem Einsatz tödlich verunglückt, er wäre heute genauso alt wie ich.“ Trotzdem machte Südbröker weiter. „Ich sag mir immer, wenn es passieren soll, passiert es. Und das kann überall sein. Aber man muss immer aufmerksam sein. Hier zum Beispiel“, sagt er und zeigt auf einen Tunnel, „vor dieser Kurve habe ich großen Respekt. Die Autofahrer sehen uns nicht aus der Ferne.“

Heute muss Südbröker nicht auf der Fahrbahn arbeiten; die mit Teer gefüllten Eimer sind im anderen Transporter. Trotzdem notiert er jedes Schlagloch akribisch in seinen Block. Wenn er sie übermorgen schließt, muss er alles nach Vorschrift absperren. Besonders die Aufmerksamkeit der Autofahrer sei bei jedem Einsatz überlebenswichtig. „Und wir passen immer auf uns gegenseitig auf, deshalb sind wir auch zu zweit unterwegs. Jeder von uns entwickelt ein drittes Auge für die Weitsicht.“

19 Beschäftigte von Straßen NRW verunglückten tödlich

In einigen Fällen hat all das nicht ausgereicht. Seit 1993 kamen 19 Beschäftigte von Straßen NRW ums Leben. Außerdem registrierte der Betrieb seitdem rund 500 fremdverschuldete Unfälle mit Personenschaden und über 450 mit Sachschäden. Das Risiko eines Straßenwärters, bei einem Arbeitsunfall ums Leben zu kommen, ist 13-mal höher als in der gewerblichen Wirtschaft.
„Autofahrer müssten mehr Rücksicht nehmen. Es ist Wahnsinn, wie sie teilweise in die Kurven schießen,“ kritisiert Südbröker. In einer Ausfahrt hätten er und seine Kollegen in diesem Jahr 130-mal ein und dasselbe Straßenschild ausgetauscht.

Erschreckend sei auch, dass Verkehrsteilnehmer sie bei Staus beschimpften und sogar handgreiflich würden. „Mein Bruder wurde mal K.o. geschlagen, der arbeitet hier auch.“

Doch es muss weiter gehen. Der Verkehr steht nicht still. Und die Straßenwärter müssen Gefahren beheben. „Die A40 ist eine Kultstrecke. Sie ist meine zweite Heimat“, sagt Südbröker mit einem Funkeln in den Augen. „Meiner Frau hab ich schon gesagt, wenn ich beerdigt werden muss, dann an der A40.“

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Der nächste Fremdkörper. Ein Holzbrett auf dem Seitenstreifen. Südbröker stoppt den Wagen und öffnet seine Tür. Und wieder erwischt er eine Lücke und springt raus, mitten auf die A40.